?Wie konnte das passieren?! Ich hab eine 20 gewürfelt und der Drache hat keinen einzigen Kratzer abbekommen. Das kann doch nicht sein, dass der mich danach mit einem Angriff in die ewigen Jagdgründe geschickt hat??
So in etwa dürfte die eine oder andere Reaktion in einem so genannten Pen&Paper Rollenspiel aussehen.
Ja, der Name lässt vermuten, dass man für diese Art des Spieles keinen technischen Schnickschnack braucht und genauso ist es.
Hier ist allein die Fantasie der Beteiligten gefragt, die nur mit Zettel und Stift bewaffnet in Abenteuer ziehen, sie sich ein normalesterblicher Homo Sapiens nicht im Traum vorstellen kann.
Sie schlüpfen in die Rolle der unterschiedlichsten Spezies, darunter kleinwüchsige, vollschlanke Zwerge, hochgewachsene, spitzöhrigen Elfen, kleine, zierliche Halblinge, natürlich auch ?normale? Menschen, wie sie ein jeder kennt (aber wer will in seiner Fantasie schon normal sein) und noch viele mehr. Und all diese Spezies werden dann noch in zahllose Untergruppen unterteilt. Das Einzige, was hier das Limit ist, ist die Vorstellungskraft der Beteiligten.
Zusätzlich zur Spezies ihres virtuellen Egos bekommen die Spieler noch eine Klasse zugewiesen, eine Art Beruf oder Bestimmung, die vom normalen Kämpfer mit Schwert und Schild über Schurken mit flinken und geschickten Fingern, die sich gut zum Schlösser knacken und ahnungslosen Passanten den Beutel erleichtern, eignen, bis hin zu Magiern und Hexern, die die Gedanken der Gegner benebeln, sie kontrollieren können oder mit mächtigen Schadenszaubern im Sinne vom klassischen Feuerball aus dem Nichts ganze Gegnerscharen in Asche verwandeln können.
So sitzen sie dann alle im Kreis, mit ihrem erdachten, selbstgeschnitzten ?Ich? auf Papier und lassen sich vom so genannten Gamemaster, einem in dem Sinne allmächtigen Wesen, das wirklich alles und jeden Beeinflussen kann, in ihrer Fantasie durch ebenso fantastische Geschichten leiten.
Dabei führt es sie durch Gebiete wie Sümpfe, Wüsten, Wälder, Berge - Alles, was sich das Abenteurerherz vorstellen oder auch nicht vorstellen kann.
Diese Abenteurertruppen müssen sich dann, da das Wandern durch diese Gefilde auf Dauer sicherlich an Spannung verlieren würde, mit Allerhand Aufgaben herumschlagen, die der Gamemaster mit hinterkistiger Präzision in die unpassendsten Momente einstreut.
Man liegt in seiner Fantasie an einem Strand oder schlendert gelassen über eine Grüne Wiese, sitzt im Wald gesellschaftlich um ein wärmendes Lagerfeuer und lässt sich das erlegte Kaninchen schmecken, da bemerkt der GM gelassen, dass vor einem eine Gruppe gefräßiger Wölfe aus dem Gebüsch auftaucht und einem nach dem lieben Rollenspielerleben trachten und man hat erstmal ein Problem.
Alle ziehen hektisch ihre Würfel, die eine entscheidende Rolle bei der Auswahl der Aktionen und der erfolgreichen Reaktion auf Schwierigkeiten spielen und würfeln, was das Zeug hält, um ? Ja für was eigentlich? ? Im Moment vor dem Eintreffen der Wölfe, saßen alle dösend beisammen um das warme Lagerfeuer und müssen sich nun erstmal in Bereitschaft würfeln, um wieder aufzuwachen und den Tieren nicht ganz ohne Schutz gegenüberzustehen.
Ist das aber geschafft, kann der Kampf ungezügelt los gehen. Da prallen Schwerten aufeinander ? Gegen Wölfe? Da hat der Gamemaster wohl Spaß gemacht. - Es fliegen Lichtfontänen durch die Luft. Feuerbälle treffen auf Fell und verursachen lautes Jaulen und den Geruch von verbrannten Haaren.
Ein Schrei aus den Hinteren Reihen und die Gruppe von Gefährten dreht sich erschrocken um? Eine weitere Gruppe Wölfe hat sich, GM sei Dank, hinter den Helden materialisiert und den Waldläufer mit seinem Bogen unerwartet niedergestreckt.
Inzwischen war die erste Gegnergruppe aber derart dezimiert, dass auch die Zweite gegen die restlichen Helden keine Chance hat.
Nach dem hektischen Kampf muss sich dann erst einmal um die Wunden der Verletzten gekümmert und erbeutete Gegenstände aufgesammelt werden (bei den Wölfen handelt es sich Speziesgetreu ?nur? um scharfe Zähne und Felle ? der GM hat diesmal aufgepasst ? die im nächstgelegenen Dorf gegen Bares eingetauscht werden, oder zu Waffen und Rüstungen weiterverarbeitet werden können, sofern man die erforderlichen Fähigkeiten seinem Charakter verpasst hat) und auf den Charakterbögen der Mitspieler werden hektisch Erfahrungspunkte für die gewonnene Herausforderung notiert, mit denen Sie im Laufe der Zeit immer stärker und mächtiger werden und sich dann auch mal an Gegner wagen können, die ein paar Meter größer als ?normale? Wölfe sind.
Ein zufällig dazu stoßender Passant sieht in dem Moment nur Menschen, die im Kreis sitzen und hektisch Würfel und Sprachfetzen durch die Gegend werfen und bekommt nichts von der eigentlichen Dramatik der Situation mit, die ja nur in der Fantasie der Mitstreiter spielt.
Hinter dem Ganzen steckt ein ausgeklügeltes Regelwerk namens ?Dungeons and Dragons?, welches permanenter Überarbeitung und Aktualisierung unterliegt und mit jeder neuen Veröffentlichung, dem Spieler neue Möglichkeiten offenbart und die Welten um zahlreiche neue Optionen erweitert.
Auch die Eigenschaften der verschiedenen Spezies, auf die die Abenteurer im Laufe ihrer Reisen treffen, sind strengen Regeln unterworfen und in umfangreichen Zusammenfassungen (Monster Book) aufgelistet, welche während des Spielens als allwissende Nachschlagewerke genutzt werden.
So vorbeireitet steht der Hetz nach Ruhm und Macht nichts mehr im Wege.
Wenn man denkt vielleicht, dass diese Art des Fantasy-Rollenspiels vom Aussterben bedroht ist, dann irrt man gewaltig. Die Fangemeinschaft der Pen&Paper-Süchtigen ist immer noch gewaltig und für sie geht an einem Wochenende, an dem andere Leute sich zum Tanzen oder Fußball-Schauen treffen, die Jagd nach Monstern, Erfahrungspunkten, um ihr Alter-Ego zu verbessern und die Rettung, gefangener Jungfrauen immer weiter und weiter.
